VORNE DIE TEDS,25 Jahre Blue Shell
Die Geschichte des legendären Clubs aus der Sicht der Kölner Presse...
Die StadtRevue zum 25. Jubiläum
Fast wäre das Blue Shell-Jubiläum in Vergessenheit geraten. Die Kneipe, die mit dem Rose Club, dem Stereo Wonderland und dem Prime Club das Bermuda-Quadrat des Amusements an der Luxemburger Straße bildet, stand lange im Schatten der eigenen Vergangenheit. Seinen legendären Ruf verdankt der notorisch blau gestrichene Laden einer Zeit, in der man noch die Wahl hatte, ob man als Punk, Ted, Rocker oder Popper seine Jugend verschwenden wollte.
Außer den gescheitelten Poppern erklärten die übrigen drei 80er-Bewegungen das Blue Shell zum Stammlokal, hingen wahlweise am Billardtisch, den Flippern oder der Theke ab und feierten bei Ted Herolds Comeback-Konzert oder einem Auftritt der Cotzbrocken. Einen besonderen Blick zurück bietet die Doku »Randale und Liebe«, die zu großen Teilen hier gedreht wurde und am 11. Mai gezeigt wird.
Mit Film und anschließendem DJ-Set des Ex-Betreibers Udo soll es aber auch gut sein mit der nostalgischen Rückschau. Schließlich hat der aktuelle Chef Rolf Kistenich nach längerer Durststrecke sein Kneipenkonzept gründlich überholt und veranstaltet neben Poetry-Lesungen Konzerte von Lokal-Bands und zeigt fein ausgesuchte Musik-Filme.
Rolf Witteler
Die SPEX-Redaktion zum 20-Jährigen (1999)
Wo sich heute alles nur noch um globale Vernetzungen zu drehen scheint, ist es auch mal angebracht in die "gute alte Zeit" zurückzugehen, als sich das Leben noch lokal, vor allem IM Lokal, in einem besonderen nämlich, abspielte. Das "BLUE SHELL". Stammlokal der ersten SPEX-Generation, wird 20. Und feiert.
Köln 1979. Ein immer größer werdendes Völkchen von England-besessenen Punks, Teds und Rockern streunen durch die von Siebziger-Muff durchzogenen Kneipen. Frank Schauhoff, der hauptberuflich 5Oer-Jahre-LKWs restaurierte und zu Werbezwecken vermietete und Udo Baur, gefeierter Frank'N'Furter-Darsteller aus der Kölner "Rocky Horror Picture Show"-lnszenierung beschlossen in diesem Jahr, der stetig wachsenden Szene (nach dem "Peppermint") ein zweites Lokal zu errichten - das "Blue Shell" auf der Luxemburger Straße.
Jaja, das alte Lied von den guten alten Zeiten, aber:
1. verdankt diese Eure Lieblingszeitschrift dem Blue Shell' in nicht unerheblichem Maße ihre Existenz (in Form eines Hinterraums für Redaktionssitzungen, zahllosen Nächten im Schoß der eigenen Wahlfamilie und großzügigem Kredit an der Bar, wie Clara Drechsler erzählte; und
2. gibt es das Blue Shell immer noch, wie am ersten Tag mit täglich wechselnden DJs und dem mittlerweile klassischen, lackblauen Interieur.
Es fing tatsächlich eine neue Zeit an im Kölner Nachtleben. Charmant verkörpert durch den Typus der superunfreundlichen, aber wahnsinnig hip aussehenden Kellnerinnen. Teds und Punks prügelten sich anders als zeitgleich in London nicht, da beide Gruppen hier eh nur zwei Lokale hatten, wo sie gern gesehen waren, zumal Frank Schauhoff sein eigener, furchteinflößender Türsteher war. Das Lokal wurde auch schon früh von Kölner Künstlern frequentiert; die "Mülheimer Freiheit" (legendäre Kölner Künstlergruppe um u.a. Peter Bömmels, Walter Dahn und Georg Dokoupil) arbeitete als LKW-Fahrer für Frank, war an Theke und DJ-Pult gern gesehen und brachte weitere Kundschaft mit. Getränkeschulden konnten durch Renovierungsarbeiten abgegolten werden. und so hinterließen diverse Gäste eine individuelle Note im kühlen Fifties-Design.
Wenngleich anders als der "Ratinger Hof" oder das "S.O.36" kein eigentlicher Live-Club, gab es im "Shell" neben über die Jahre wechselnden Hausbands - Peniscreme, Jewellers, Les Immer Essen, King Candy, 12 or 13, Rausch - legendäre Auftritte u.a. von Ted Herold, Blur, den Mekons und Air Liquide zu sehen. Mark E. Smith war Stammgast, weil er mit einer Thekenfrau liiert war, die mittlerweile bei RTL das Wetter moderiert. Kölner Taxifahrer erinnern sich dagegen vor allem an Schlägereien zwischen Skins und Rockern Mitte der Achtziger, was dem Laden bis heute einen überregional eher schlechten Ruf einbrachte.
Aber selbst Schallschutzauflagen. Nachbarn und Bürgerinitiativen konnten nicht verhindern, daß Udo Baur und sein Kompagnon seit ,94, Rolf Kistenich (verdienter Dl seit zig Jahren), dieses Jahr einen neuen 10-Jahres-Vertrag unterschrieben haben. Und es besteht durchaus Grund zum Optimismus, ist doch mittlerweile ein neues Umfeld gewachsen mit diversen Clubs in nächster Nähe, die Luxemburger Straße von den weitreichenden Sanierungsmaßnahmen im Viertel nicht betroffen und Kulturamt wie Ordnungshüter zeigen sich wohlwollend. Demnächst könnt Ihr im Sommer sogar draußen sitzen. Von hier aus jedenfalls herzlichen Glückwunsch und für die Zukunft alles Gute.
VIERTEL VOR
Irgendwann Mitte der Achtziger, an einem Ort. Ein elegant gekleideter Geschäftsmann trifft sich mit dem Anführer einer Rocker-Gang. Das konspirative Treffen dauert nicht lange, die Sache ist klar, die Kutte erhält ein Kuvert, nachzählen nicht nötig. Nur wenige Stunden später in einem Szene-Klub. Die Kutte betritt den Laden, sein Trupp, längst instruiert, postiert sich. Die Luft brennt, blauschimmernde Schweißtropfen perlen an kahlgeschorenen Schädeln herunter. Die Taxi-Driver Situation nimmt ihren Lauf: "Was? Du laberst mich an? Du mußt mich meinen, denn außer mir ist hier sonst niemand!
Plötzlich geht alles ganz schnell. Aschenbecher fliegen zielsicher durch die Luft, Tische und Stühle gehen zu Bruch, dienen als zusätzliches Schlagwerkzeug. Als sich schließlich noch zwei unbeteiligte "Selbstverteidigungskünstler" einschalten, bricht das Chaos aus. Der Rest ist Gemetzel.
Diese Szene, die sich so oder ähnlich als möglicher Stoff für ein Drehbuch anbieten würde, hat tatsächlich stattgefunden. Sie war gleichzeitig Höhepunkt und Ende eines langanhaltenden Konflikts zwischen sich irgendwann unvereinbar gegenüberstehenden Gruppen, die sich - trotz einiger Scharmützel - über Jahre hinweg in friedlicher Koexistenz einen Laden geteilt haben. Zankapfel der überhitzten Gemüter: Das Blue Shell
Der Ärger ist längst verflogen, und die Streithähne von einst haben sich in alle Himmelsrichtungen verteilt. Allein, das Blue Shell gibts immer noch, genauso eigen, stilsicher und angesagt wie eh und je.
Seit seiner Eröffnung vor zwanzig Jahren war das Blue Shell immer auch ein Platz für Exoten, verbiegen mußte sich hier nie jemand. Zeitgleich prallten hier die unterschiedlichsten Fraktionen aufeinander: Teds, Punks, Psychos, Rocker und Skins, Schizos und andere Großstadtindianer Und mitten drin, die Spex Redaktion, die Anfang der Achtziger ihre Redaktionssitzungen ins Shell ausweiteten. Arno Steffen, Jürgen Klaucke, Zeltinger und Lauterbach: Gäste der ersten Stunde. Sing Ling Chin, heutiger Betreiber der Chins Bar und Mitinhaber des Chins Restaurants, verdiente sich im Shell die ersten Sporen als Thekenkraft.
Überhaupt kam dem gesamten Shell Personal im Laufe der Jahre immer eine ganz besondere Bedeutung zu, dies gilt vor allem für die Dj's, die bis heute für einen unverwechselbaren Blue Shell Sound gesorgt haben. "Der Unterschied", so Rolf Kistenich, der '86 selbst als Dj im Shell anfing und seit 1992 zusammen mit Udo Baur das Blue Shell betreibt,"Der Unterschied zwischen den Dj's aus dem Shell und vielen anderen Dj's der Stadt ist bis heute, daß wir, während sich die anderen für 500 Mark Klammotten kaufen, für 500,- Mark Platten besorgen!" A uch Udo Baur, der kurz nach Eröffnung des Shell die Geschäftsführung übernommen hat, bis er dann schließlich 1986 den Laden ganz übernahm, sieht gerade in dem ewigen musikalischen Spannungsfeld zwischen ,,Elvis und Sex Pistols" den Reiz des Blue Shell. "Mit Eröffnung des Shell hatte die Kunst- und Musikszene urplötzlich ihr Wohnzimmer gefunden. Die Aufmachung des Shell war etwas völlig Neues für diese Zeit. Die Gastronomie war damals eher piefig und verraucht. Der konsequent blaue Lackanstrich und die Neonröhren waren's einfach, und das ist bis heute so!"
Und Udo Baur weiß wovon er spricht. Obwohl bis 1986 "nur" Geschäftsführer, war er doch immer maßgeblich für den kompromißlos authentischen Stil des Shell verantwortlich. Spätestens seit er 1986 vollends die Federführung für das Blue Shell übernommen hatte, brachte er auch die schlimmen Kinder des Shell zur Räson, die längst nachrückende Generation und der Wandel der Musik taten ihr übriges dazu. Wave, New Romantik, HipHop und Grunge traten abwechselnd auf den Plan.
Blur gaben 1990 im Blue Shell ihr erstes Konzert in Deutschland. Ein Stimmungstief kam erst auf als die Stadt, auf Grundlage einer fehlenden Musikgaststättenkonzession des Blue Shell, die Musikanlage weitgehend demontierte. Es brauchte kapp zwei Jahre und höllisch viel Geld, bis die Neukonzessionierung durch war, alle Schallschutzbestimmungen zur vollsten Zufriedenheit des Amtsschimmels durchgeführt werden konnten. Doch diese Schikanen sind für Baur und Kistenich Schnee von Gestern. Neben dem nach wie vor ausgezeichneten Sound, den man im Blue Shell zu Gehör kriegt, sorgen mittlerweile auch die Filmabende für Furore, Leckerchen für alle Liebhaber von Raritäten aus dem Bereich der Musikfilme...
KÖLNER STADTANZEIGER
NR - Schwarze und weiße Fußbodenfliesen - darauf eine halbrunde Theke, der man mehrfache Restaurationsversuche deutlich ansieht, vier Flipper und ein Billardtisch. Dazu enzian blau-lackierte Wände und kaltes Neonlicht. So präsentiert sich das ,,BLUE SHELL", einer der ersten Szenekneipen der Stadt, die ab heute mit einer ,,Festwoche" 20jähriges Bestehen feiert. ,,Ausstattung und Einrichtung waren damals etwas völlig Neues", erinnert sich Udo Baur. Der Industriekaufmann, der auf Hobbyschauspieler umgestiegen war und Ende der 70er Jahre neben Dirk Bach eine Hauptrolle in der deutschen Version der ,,Rocky Horror Show" spielte, war von anfang an dabei. Anfangs jobbte er hinterm Tresen, dann wurde er Geschäftsführer. 1986 übernahm er den Laden. Seit 1994 gehört auch Rolf Kistenich dazu, der zuvor dort acht Jahre als DJ gearbeitet hatte.
Schließlich zählte der abendliche Plattenaufleger zum Erfolgsrezept der Kneipe, die sich schnell zu einer Art Wohnzimmer der lokalen Kunst- und Musikszene entwickelte.
Stammgäste waren Maler Walter Dahn und Georg Dokoupil, Schauspieler Heiner Lauterbach und die Musiker Arno Steffen und Jürgen Zeltinger. Dazu wurde das ,,SHELL" zum Treffpunkt von Teds (saßen im hinteren Bereich) und Punks (drängelten sich um die Theke).
Nach Beschwerden der Nachbarn, die sich weder an die Musik, noch an das Publikum gewöhnen wollten, wurde das Lokal nach wenigen Monaten vom Ordnungsamt geschlossen. Der Schallschutz fehlte. Rund 100000 Mark wurden investiert. Vorgeschossen von der Küppers-Brauerei, die einen Einstieg in die alternative Gastronomie suchte. Vor fünf Jahren mußte dieser Schutz nochmals verstärkt werden . Hinzu kamen Querelen um die Konzession. Baur: ,,Eine Gaststätte, die mehr als einen Plattenspieler hatte, galt schon als Disco." Nach erneutem Umbau erhielt das ,,SHELL" als erste Kneipe eine ,,Musikgaststätten-Konzession". Auch als Filmkulisse ist der Laden gefragt. Mehrfach wurde für Krimiserien (Eurocops, Fahnder) gedreht. Kürzlich agierten dort Moritz Bleibtreu und Richie Müller für ihren neuen Kinofilin ,,Van Dango".
KÖLNER ILLUSTRIERTE
20 Jahre im gleichen Wohnzimmer abhängen, ohne daß Papa die Tapete wechselt - zu Hause macht das keiner freiwillig mit. Im BIue Shell dagegen ist seit zwei Dekaden "blau" Programm, und so mancher hat sein halbes Leben in Kölns ältester Szenekneipe verbracht.
Am 14. 5. 1979 öffnete auf der Ecke Luxemburger Straße/Hochstadenstraße am Rande des Kwartier Latäng eine blau lackierte Musikmuschel, die seitdem zu den wichtigsten Szenetreffs dieser Stadt gehört. Generationen von Studenten, angehenden Künstlern und Nachteulen fanden hier das, was sie im Elternhaus nicht mehr ertrugen und in ihrem Wohnklo im Studentenwohnheim nicht fanden: ein Wohnzimmer. Mit vertrauten Gesichtern, sozialer Anbindung und mittel- bis hochprozentigen Getränken - alles, was man von einer wohnlichen Heimstatt eben so erwartet.
Daß sich das Blue Shell so lange hat halten können, liegt in allererster Linie an der hervorragenden Musikauswahl die hier von Anfang an die Atmosphäre prägte. Das Shell, wie der Stammgast liebevoll-verkürzt sagt, war die erste Kneipe die konsequent mit DJs arbeitete, und zwar immer mit solchen die den Geist vertraten. Von Punk und New Wave über alle Strömungen der 80er bis hin zu moderner Elektronik lief hier jede Musik vor ihrer Vereinnahmung durch Mainstream, Feuilleton oder Eins Live.
Garantieren können eine derartige Modernität natürlich nur DJs, die die Nase im Wind behalten. Bezeichnenderweise gilt das für etliche der ,,Veteranen" aus der Shell-Liga: Laszlo Milasovszky, der bald nach der Öffnung 1980 die Turntables übernahm und bis 1993 immer wieder bediente, ist heute einer der wichtigsten Drum'n'Bass-Kräfte Kölns und deutschlandweit bekannt als Mitglied des Junglegrowers/ Basswerk-Teams.
Kai Fleschmann stand ebenfalls gute zehn Jahre hinter dem Tresen und beteiligt sich am heutigen Musikleben als Labelmanager von Harvest, dem ambitioniertesten Output mit vornehmlich elektronischer Musik aus dem Hause EMI. Außerdem djayt er in letzter Zeit auch hin und wieder im Liquid Sky und im Six Pack zwei der wichtigsten Adressen in Sachen Elektronik.
Soweit die Gegenwart. Die ist zwar immer am wichtigsten, aber nicht immer am lustigsten. Oder unterhaltsamsten. 1979, dieses unglaubliche Datum in einer fernen Vergangenheit, wurde bestimmt von den aus England heranschwappenden Punk-Wellen, aber auch von Skins, Teds und Rockern - das waren noch Zeiten, als alle Gruppierungen und Cliquen recht klar und übersichtlich voneinander unterscheidbar waren. Da war jedenfalls was los, anders als in den Unterhaltungs-Jugendkutur-Overkill-90ern. ,,Wir spielten abwechselnd Elvis und Sex Pistols". erzählt Udo Baur. bis ,85 Gcschäftsführer, seit 86 Betreiber, zusammen mit RoIf Kistenich. Elvis für die Teds. Pistols für die Punks. Und Skins gab es damals auch noch so richtig in der Kneipenöffentlichkeit und es gehörte zum obligatorischen Theken-Smalltalk darüber zu philosophieren, wo die Grenzlinien zwischen Red Skins und Faschos verlaufen und wie diese zu erkennen sind. Um '84/'85 eskalierte diese Problematik, und wie das immer so ist, irgendwann läuft das Kölschglas über: Ein Trupp Rocker (auch das gab's damals noch in freier Wildbahn) enterte das Blue Shell im Auftrag eines sich von Skins diskriminiert fühlenden ausländischen Mitbürgers und mischte die anwesenden Skins locker mit ein paar Schlagketten und ähnlichen Leckerle auf. Es flogen Stühle und Tische, und für die Skins sah es gar nicht gut aus. ,,Da standen dann noch zwei Asis am DJ-Pult, die schauten sich das zehn Minuten an, und dann griffen sie sich den Oberrocker und schoben ihn quer durch die Menge bis zum Billiardtisch" erinnert sich Laszlo, der an diesem Tag die Plattenspieler bediente. In diesem Moment sahen die Skins das Blatt sich wenden. und die Keilerei kam erst richtig in die Gänge... Danach war keine Tischplatte mehr auf ihrem Sockel und der Ruf erst einmal ruiniert.
Ist dies passiert, lebt's sich ungeniert, wie's so schön heißt, aber im Nachtleben gelten leider etwas andere Gesetze. Das Image aus dieser Zeit hallt teilweise noch bis heute nach, obwohl es seit damals, spätestens aber seit der Übernahme durch Udo anno '86, ,,nur noch Ärger mit dem Ordnungsamt gab" - wenn überhaupt.
Auch aus den frühen 80ern stammt die Geschichte, als The Clash das Shell besuchten. Vorher gab es per Telefon eine polizeiliche Warnung vor dieser ,,gewalttätigen" Band, die gerade ihr Hotelzimmer zerlegt hätte und nun in Richtung Luxemburger Straße unterwegs sei. Laszlo, auch an diesem Tag der DJ, erkannte allerdings niemanden als Punk-Rock-Star und spielte daraufhin ,,London Calling". Kurze Zeit später standen zwei stockbesoffene Briten vor ihm, am Ende des Abends waren alle beste Freunde.
Zu den prominenten Gästen zählen außerdem Mark E. Smith von The Fall, der regelmäßig vorbeischaute, genauso wie Udo Lindenberg und Herman Brood. Ganz legendär ist der erste Auftritt in Deutschland von Blur, der im Blue Shell stattfand! Oder daß hier die ersten Redaktionssitzungen der Musikzeitschrift Spex abgehalten wurden. Überhaupt Spex: Die permanente Anwesenheit diverser Redakteure war für DJ-Neulinge immer einer der Gründe, feuchte Finger zu bekommen. Kai und Rolf können das nur bestätigen. Für letzteren wurde aus dem ehemaligen Hobby und späteren Teilzeitjob 1994 ein Beruf: Damals wurde Kistenich Mitbetreiber ,,Wir haben die beste Zeit unseres Lebens im Shell verbracht", zieht er Resümee, und das scheint er in keinster Weise zu bereuen.
PETER SCHARF; STADTREVUE zum 20. Jahrestag (1999)
Wenn demnächst der neue Film von »Lola-rennt«-Autor/Regisseur Tom Tykwer in die Kinos kommt, dann werden einige Szenen auch in der Kwartier-Lateng-Kneipe Blue Shell spielen. So richtig wundern mag man sich darüber nicht, ist die »Musikgaststätte« doch schon auf unzähligen Metern Celluloid verewigt. Ob im »Tatort«, bei den »Eurocops« oder diversen anderen Kino- und TV-Produktionen, in den letzten 20 Jahren wurde das Shell in Köln zur angesagtesten Kulisse, wenn es darum ging, urbanes, jugendkulturell geprägtes Kneipenflair ins Bild zu rücken.
Seinen Ruf als wildes Szene-Lokal verdanktes vor allem seiner Zeit in den frühen 80er Jahren. Als das Blue Shell am 14. Mai 1979 eröffnete, präsentierte sich das ehemalige Ecklokal Haus Robertz in einer »kalten«, in schlichten Blau gehaltenen New-Wave-Asthetik. Ein ziemlicher Schocker in der Kölner Gastronomie-Landschaft, die bis dato doch eher durch das hölzerne Einerlei der typischen Veedels- und Studentenkneipen geprägt war. Angezogen von soviel StiIwillen wie auch von zwei im Eingangsbereich plazierten Plattenspielern inklusive DJ, ebenfalls ein Novum damals, wurde der Laden sofort zum Treffpunkt für Musiker, Künstler (Jürgen Klauke, Wolfgang Dahn u.a.) und die Anhänger diverser jugendlicher Subkulturen. Ein einmaliger Publikumsmix entstand:
»Vorne im Laden standen die Teds und hinten die Punks. Dazwischen noch die Rocker und das normale Publikum, was natürlich immer super interessiert war zu gucken, was hier so abging«, erinnert sich Udo Baur der den Laden seit seiner Eröffnung führte, ihn 1986 übernahm und sich 1994 Rolf Kistenich als Mitbesitzer ins Boot holte. »Für den DJ hieß das, genau abzuwägen, ob die Sex Pistols oder Elvis auf den Plattenteller kommen. Da machte man sich schon mal schnell unbeliebt.« Dokumentiert sind die wilden Zeiten in der 1980 entstandenen WDR-TV-Produktion »Randale und Liebe«. Thomas Schmidts Film handelt vom Leben der Popper, Punker, Rocker und Teds in Köln. Drei von diesen Gruppen fand er in einem Laden. So wird der gleichermaßen komische wie, nicht zuletzt aufgrund seiner Nähe zu den jugendlichen Protagonisten, beeindruckende Film nun zum 20-jährigen Jubiläum des Blue Shell nochmal am Originalschauplatz gezeigt. Ein Stück Stadtgeschichte, das man alleine wegen dem legendären Ted-Herold-Auftritt vor Punkpublikum gesehen haben muß. Der Film ist jedoch nur ein Programm-Punkt der einwöchigen Jubiläumsfeierlichkeiten, bei der DJs ihre Platten spielen: zwei Jahrzehnte von Punk zu Wave über lndie-Pop und Elektronik. Eine Zeitreise, die noch nicht zu Ende ist: Denn gerade wurde der Mietvertrag für die nächsten zehn Jahre unterschrieben.
PETER SCHARF
Texte dankend entnommen den Seiten des Shell-Fanprojektes www.blueshell.de.